Eau & Gaz

Text by Sarah Oberrauch

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Artist Residency

„Eau & gaz à tous les étages“ is a sign frequently found on the facades of French houses. Originally, it indicated that the building was equipped with running water and gas. First appearing towards the end of the 19th century, it designated new standards of living and modern comfort. The theme of the blue enamel plates with white lettering w as used as „objet trouvé“ by Marcel Duchamp. To him, the recurring motive was not just a signifier of modern convenience, but also its precondition.

The objet trouvé could be read as undermining established traditional understandings of artworks as characterised by artistic talent and skill. Today, the concept has a long-standing tradition and has lost many of its subversive traits. Nevertheless, by relating back to the notion of the readymade and reappropriating the meaning of the service slogan of „eau & gaz“, we would like to raise questions about the standards and conventions within contemporary art and their possible breakup or extensions.

The objet trouvé is an object borrowed from the everyday which attains new meanings in the context of art. Similarly, the artist residency could be viewed simultaneously as commonplace and something exotic in the village. The seclusion and homogeneity of the village stand in stark contrast to the usual urban centres of cultural scenes. The residency shall become a refuge for artists. This retreat, cut off from constant external activities, offers a space of intense confrontation with one’s own work.

In the Johann Georg Platzer street 17 there is a showroom next to the living and working spaces of the residency, where in turn various works by artists can be seen at any time. The work “Sentirsi a casa” by Luca Pancrazzi represents the kick-off to this particular exhibition series. It raises questions about social living and refers to the discourse on general paradigms of knowledge production. The showroom is an invitation to linger in the arcades, to contemplate and replace what is often lost today, namely the act of strolling.

In 2009, in the same spaces where the residency presently installed, the exhibition “common sense” took place. Art works and performances were shown on several levels across a space of three hundred square meters; through which the premises of cohabitation were studied. In the shop windows, the works of art were visible at any time. The question of coexistence in the social community which emerged during the “common sense” exhibition, is to be continued and developed in the artists’ residency.

Artist Residency

„Eau & Gaz. A Tous les étages“ ist eine häufig anzutreffende Beschilderung auf den Hausfassaden französischer Großstädte. Schilder dieser Art gaben ursprünglich den Hinweis auf fließendes Wasser und Gas im Gebäude. Erstmals gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgekommen, zeugten sie von einem neuen Lebensstandard und wurden damit zum Zeichen modernen Komforts. Das blaue Schild mit der weißen Inschrift „Eau & Gaz“ fand auch Einzug als „Objet trouvé“ bei Marcel Duchamp. Das oft wiederkehrende Motiv war für ihn nicht nur Ausdruck des modernen komfortablen Lebens, sondern Bedingung. Damit wurde es zum Ausdruck eines neuen Zeitalters.

Das Objet trouvé kann als Auflehnung verstanden werden gegen das gemeinhin angenommene Verständnis eines traditionellen Kunstwerkes, welches sich durch herausragende handwerkliche und künstlerische Merkmale charakterisierte. Duchamp versuchte damit ein neues Zeitalter in der Kunst einzuleiten. Heute blickt dieses Phänomen auf eine lange Tradition zurück und hat größtenteils seine anarchistischen Züge eingebüßt. Dennoch möchten wir mit dieser Bezugnahme Fragen aufwerfen, die mit jenen im Zusammenhang stehen: Fragen über Normen und Konventionen innerhalb der Kunst und auch deren mögliche Aufsprengung bzw. Erweiterung.

Das „Objet trouvé“ ist ein aus dem Alltag entwendetes Objekt, das im Kunstkontext eine Neuinterpretation erfährt. In ähnlicher Weise versteht sich die KünstlerInnenresidenz gleichzeitig als Alltäglichkeit und Exotin des Dorfes. Die Abgeschiedenheit und Homogenität eines Dorfes stehen im Kontrast zu den üblichen Ballungszentren der Kulturszenen. Die Residency soll zum einen zu einem Refugium für KünstlerInnen werden. Dieser Rückzugsort, abgekoppelt von ständigen äußeren Aktivitäten, gewährt einen Raum der intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit.

In der Johann-Georg-Platzer Straße 17, in der sich neben den Wohn- und Arbeitsräumen der Residenz auch ein Showroom befindet, kann man abwechselnd verschiedene Arbeiten von KünstlerInnen zu jeder Uhrzeit sehen. Die Arbeit „Sentirsi a casa“ von Luca Pancrazzi stellt den Auftakt dieser Ausstellungsreihe dar. Sie wirft Fragen über das gesellschaftliche Zusammenleben auf und verweist auf den Diskurs über allgemeine Paradigmen der Wissenserzeugung. Der Showroom soll dazu einladen, in den Lauben zu verweilen, zu kontemplieren und in dieser Hinsicht das in der heutigen Zeit verloren gegangene Flanieren zu ersetzen.

2009 fand in denselben Räumlichkeiten, wo heute die Residency installiert ist, die Ausstellung „common sense“ statt. Auf mehreren Stockwerken wurden dreihundert Quadratmeter mit Kunst bespielt und mit ihren Mitteln die Prämissen des Zusammenlebens untersucht. In den Schaufenstern waren die Kunstwerke zu jeder Uhrzeit sichtbar, so wie derzeit die Arbeit von Luca Pancrazzi. Die aus der Ausstellung „common sense“ entsprungene Frage des Zusammenlebens in der sozialen Gemeinschaft soll in der KünstlerInnenresidenz weitergeführt und weitergedacht werden.